Wissenschaft

Nirgendwo ist überall

Statt Masern und Keuchhusten bekämpfen Kinderärzte heute Übergewicht, ADHS und Magersucht. Zudem prägt Mangel ihr Fach: Im Schnitt ist ein niedergelassener Pädiater fast 60 Jahre alt, viele suchen vergebens einen Nachfolger.

Ein Tag in der Praxis von Stefanie Diehl ist wie ein Kinderleben im Zeitraffer.

Da sind die Babys – Emma-Lou, ganze sechs Tage auf der Welt; oder Tudor, vier Wochen alt. Mit den Kleinsten kommen meist beide Eltern zur Untersuchung, noch unbeholfen trösten sie ihre Babys. Immer wieder schiebt Tudors Vater dem kleinen Jungen den Schnuller in den Mund. Tudor brüllt trotzdem. Oder deswegen.

Die Fragen sind so niedlich wie die gewindelten Winzlinge: Was sind das für schwarze Flecken auf Emma-Lous Kopf? Nur ein bisschen Dreck. Lina spuckt Milch, ist das normal? Ja, wächstsich aus. Morgen ist der Termin beim Fotografen: Ist bis dahin die Baby-Akne weg? Leider nein.

Später im Leben kommen die Mütter allein mit ihren Kindern. Die haben Durchfall wie die kleine Jonna; sie husten die Nächte durch wie Emily, die bald vier wird, brauchen ein Antibiotikum gegen eitrige Mandeln wie der sechsjährige Lenn. Marlon ist im Kindergarten mit der Schläfe auf die Steintreppe geknallt. Er kriegt ein Pflaster, Gummibärchen und darf sich ein Spielzeug aus der Schatz-kiste an der Garderobe aussuchen.

Die Größeren erzählen selbst, was sie plagt: Sophie-Marie, 9, wurde von einer Mitschülerin in den Bauch getreten. Ärztin Diehl schaut Nieren und Milz im Ultra-schall an. Paula, 11, will morgen unbedingt beim Mini-Marathon mitlaufen, doch wegen der Allergie gegen Gräserpollen kriegt sie schon beim Training kaum Luft. Mit Salbutamol-Notfallspray darf sie auf der 4,2-Kilometer-Strecke starten.

Und dann sind da die echten Schicksale. Sedat ist zwei Jahre alt; vor mehr als einem Jahr ließ eine schwere Infektion seine Nieren versagen. Er hatte Krampfanfälle die sein Gehirn schädigten. Jede Woche bekommt er Infusionen in Diehls Praxis. Über einen Zugang am Bauch schließt ihn seine Mutter zu Hause an die lebensnotwendige Dialyse an, fünfmal am Tag, einmal in der Nacht.

Bis zum Mittag haben Diehl und eine Kollegin, die an drei Vormittagen in der Praxis mitarbeitet, 56 kleine Patienten behandelt. Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit war sie noch im Krankenhaus bei einem Neugeborenen. „Ein ganz normaler Tag“, bilanziert die Ärztin mit dem aschblonden Zopf bei einem Becher Filterkaffee.

Bis vor kurzem war Diehl Neonatologin an einem Würzburger Krankenhaus. Im vergangenen Jahr übernahm sie die Kinderarztpraxis im nordhessischen Wolfhagen bei Kassel. Im Ortsteil Istha residiert sie in der ehemaligen Schule, einem sanierten Fachwerkbau am Lutherplatz gegenüber der kleinen Kirche. Bei gutem Wetter können die Patienten auf dem Hof warten, Diehl will noch ein paar Bobbycars anschaffen. „So habe ich mir meine Praxis immer vorgestellt“, sagt die Kinderärztin. „Wenn ich schon ins Nirgendwo gehe, soll es wenigstens schön sein.“  Diehl hätte aus vielen Nirgendwos wählen können. Landauf, landab suchen Pädiater nach Nachfolgern für ihre Praxen. Und der Notstand wird , schlimmer werden: Knapp 60 Jahre alt sind Deutschlands Kinderärzte im Durchschnitt. Vor allem auf dem Land sind schon jetzt viele Praxen verwaist.

Doch auch in Großstädten fehlen Kinderärzte – und zwar gerade in jenen Stadtteilen, in denen es viel soziales Elend gibt. Die Nobelviertel dagegen, in denen reichlich Privatversicherte leben, sind eher überversorgt, und so mancher Mediziner taucht ab in eine lukrative Nische: In Hamburg etwa behandelt bereits jeder zehnte Kinderarzt ausschließlich Privatpatienten. Im Eibvorort Othmarschen kommen rein rechnerisch 600 Kinder auf einen niedergelassenen Pädiater, im Problembezirk Hörn sind es fast 5000.

In Niedersachsen müssen bis 2020 rund 250 Praxen neu besetzt werden, das ist mehr als die Hälfte aller bestehenden Kassensitze. In Teilen Mecklenburg-Vorpommerns werden Eltern bald bis zu 70 Minuten Auto fahren müssen, um die nächste Facharztpraxis zu erreichen, wie eine Untersuchung des Instituts für Community Medicine der Universität Greifswald ergab.

„Wir sind eine bedrohte Spezies“, sagt der Berliner Pädiater Ulrich Fegeier, Sprecher des Berufsverbands der Kinder-und Jugendärzte. Schon jetzt übernehmen vielerorts die – oft schon überlasteten – Hausärzte die Versorgung der Kleinen mit. Bei den verbliebenen Kinderärzten sind stundenlange Wartezeiten die Regel, viele nehmen keine neuen Patienten mehr an.

Als Stefanie Diehl in Wolfhagen auftauchte, hatte Harald Becker schon seit Jahren nach einem Kollegen gefahndet, dem er seine Praxis hätte verkaufen können. Er hatte Anzeigen in Praxisbörsen aufgegeben, Berufsverband und Kassenärztliche Vereinigung um Hilfe gebeten, E-Mails an sämtliche Ausbildungskrankenhäuser in Deutschland geschrieben. Ergebnis: zwei Anrufer, nur einer machte sich die Mühe, die Praxis anzuschauen, aber auch er winkte ab.

„Ich habe immer gesagt, dass ich erst aufhöre, wenn ich einen Nachfolger habe“, sagt Becker, 68. Irgendwann war er nicht mehr sicher, sein Versprechen halten zu können. „Die Praxis zu schließen wäre uns vorgekommen wie die Zerstörung unseres Lebenswerks“, sagt Christiane Becker, die als Allgemeinmedizinerin mit ihrem Mann zusammenarbeitete.

Stefanie Diehl wollte eigentlich nur zu Besuch in ihre Studienstadt Göttingen fahren. Auf der Durchreise hatte sie eine Panne und verliebte sich in die hügelige Weite um Wolfhagen. Von einem Kollegen erfuhr sie vom frei werdenden Kassensitz. „Ich bin froh, dass unsere Patienten nun weiter versorgt sind“, sagt Pädiater Becker, „wir hätten uns sonst in der Stadt nicht mehr blicken lassen können.“

25 Jahre lang war er Kinderarzt in Wolfhagen. Er hat Jungen und Mädchen groß werden sehen, die irgendwann mit eigenem Nachwuchs kamen. Kein Schwimmbadbesuch verging, ohne dass ihm ein paar Knirpse seltsamen Ausschlag oder gut verheilte Wehwehchen präsentierten.

Doch Becker erlebte auch, wie der Beruf sich wandelte. Anfangs riefen ihn oft Eltern nachts ans Bett ihrer fiebernden Söhne und Töchter, immer wieder musste er Kinder mit Keuchhusten oder Hirnhautentzündung ins Krankenhaus einweisen. „Die dramatischen Infektionskrankheiten sind heute fast alle weggeimpft“, sagt Becker, „die haben wir am Ende ganz selten gesehen.“

An ihre Stelle traten jene Leiden, die Fachleute die neuen Morbiditäten nennen: Fettleibigkeit und Hyperaktivität, Sprachentwicklungsstörungen, Aggressivität, Magersucht und Schulstress – die Kinder sind Abbild einer Gesellschaft, in der es weniger Familienzusammenhalt gibt. Fernseher, Smartphone und Spielkonsole ersetzen die abendliche Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ oder das Bolzen im Garten.

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick, und ebenso groß ist bereits der Anteil jener 7- bis 17-Jährigen, die psychische Auffälligkeiten zeigen. Zu diesem Schluss kam die Kinderpsychologin Ulrike Ravens-Sieberer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen einer bundesweiten Studie. Die Wissenschaftlerin fordert, die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder um einen Fragenkatalog zu erweitern, mit dem auch die seelische Gesundheit erfasst wird.

„Viele Kinderärzte stehen hilflos vor den Verhaltensauffälligkeiten“, erzählt Ravens-Sieberer, „wie gut sie damit umgehen, hängt sehr von ihrem persönlichen Engagement ab.“ Christiane Becker etwa machte eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin. „Man muss heute viel mehr reden“, sagt sie.

Dass sie zunehmend als Sozialmediziner arbeiten und mitunter die überforderten Eltern gleich mitbehandeln müssen, ist – neben den vergleichsweise bescheidenen Verdienstmöglichkeiten einer der Gründe, die junge Pädiater vor dem Schritt in die Selbständigkeit zurückschrecken lassen. Viele trauen es sich einfach nicht zu: „In der Ausbildung lernen künftige Kinder- und Jugendärzte perfekt die intensivmedizinische Behandlung von 500-Gramm-Frühchen“, sagt der Hamburger Kinderkardiologe Stefan Renz, „das hilft ihnen aber nicht, wenn sie in der Praxis einem Siebenjährigen mit massiven Verhaltensauffälligkeiten gegenübersitzen.“

Andererseits beschert auch der Ausbau der Krippenplätze den Pädiatern zusätzliche Arbeit: In der Kita sind die Kleinsten mehr Keimen ausgesetzt als zu Hause. „Den ganzen Winter hatten wir hier Einjährige mit Rotz und Kotz“, sagt der Marburger Kinderarzt Stephan Nolte, „die sind davon natürlich schwerer beeinträchtigt als Vierjährige.“

Zudem misstrauten die Eltern den eigenen Fähigkeiten. „Viele kommen in die Praxis, ohne sich das Kind erst mal selbst anzuschauen“, so Nolte. Das allgemeine Wissen um die Bedürfnisse der Kleinen sei weniger geworden, sagt er, einfach weil viele Eltern nur ein Kind haben und es auch oft nicht mehr die Großfamilie mit Oma und Tante gibt, die um Rat gefragt werden.

Vielleicht liegt es an der Familiennähe des Fachs, dass in der Pädiatrie der Frauenanteil noch weit drastischer ansteigt als in anderen medizinischen Disziplinen. Inzwischen sind 85 Prozent des pädiatrischen Nachwuchses weiblich. „Wenn wir keine kreativen Lösungen auch für junge Frauen mit Familie finden, kriegen wir ein großes Problem“, sagt der Hamburger Herzspezialist Renz.

Das Städtchen Schwedt an der Oder suchte vor kurzem in einem gemein-schaftlichen Kraftakt nach neuen Kinderärzten. Die pädiatrische Abteilung der dortigen Asklepios-Klinik hatte Anfang 2012 schließen müssen, da die Ärzte abgewandert waren.

Schwedter Eltern sammelten 10 000 Unterschriften für den Erhalt der Kinderstation; der Konzern ließ einen Werbefilm drehen. Bürgermeister („Die Stadt atmet Geschichte“), Sparkassenvorstand („Schwedt ist sehr günstig für Häuslebau-er“) und Landrat („Man ist ganz schnell in Berlin“) preisen darin die Vorzüge der Oderstadt.

Mit Erfolg: Seit Oktober hat die Klinik wieder eine Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin, rund 120 Kinder werden pro Monat stationär behandelt. Kinderonkologe Wenzel Nürnberger wechselte aus Gießen in die Uckermark, Fachärzte für Neonatologie, Kinderkardiologie und Neuropädiatrie folgten. Nun rüstet sich die Klinik für die Herausforderungen der Gegenwart: „Wir hätten gern noch einen Kollegen für Kinderpsychosomatik“, sagt Chefarzt Nürnberger. Vermeidung und Behandlung von Übergewicht soll ein weiterer Schwerpunkt der Schwedter werden.

Nürnberger und seine Kollegen halten an der Klinik auch ambulante Sprechstunden ab. Für manche Experten ist das die Zukunft der pädiatrischen Versorgung – jedenfalls dort, wo es zu wenig Niedergelassene gibt. „Wenn keine neuen Kinderärzte kommen, müssen die Kliniken in die ambulante Versorgung eingebunden werden“, sagt Neeltje van den Berg, Versorgungsforscherin an der Uni Greifswald.

Pädiater Renz plädiert für Ähnliches: Kinderärzte könnten künftig in speziellen Zentren als Angestellte arbeiten. „Viele meiner Weiterbildungsassistenten möch-ten gern in die Praxis, aber 60 Stunden in der Woche arbeiten, das wollen sie nicht“, sagt der Kardiologe.

Wenn die Bedingungen stimmten,glaubt Renz, seien Pädiater zumeist glückliche Menschen. „Die Zufriedenheit von Kinderärzten ist sicher größer als die von Orthopäden“, sagt er, „Kinderhaben einfach eine positive Ausstrahlung.“ Das bestätigt nach 25 Praxisjahrenauch sein Wolfhager Kollege Becker.

„Kinder sind toll, sie sind lebendig“, sagt er. „Und bei ihnen geht es immer aufwärts.“

Autorin Julia Koch

Was Kinderärzte behandeln

Infektionen

Scharlach, Gastroenteritis, Husten und Schnupfen plagen irgendwann fast jedes Kind. Viel seltener als früher sind Masern, Röteln, Keuch husten, Diphtherie und Windpocken – dagegen wird geimpft.

Allergien

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Essstörungen

Jedes fünfte Kind in Deutschland schleppt zu viele Kilos mit sich herum; acht Prozent der 10- bis 14 Jährigen gelten als fettleibig; Bluthochdruck und Diabetes sind die Folgen. Zugleich behandeln Psychologen inzwischen schon Elfjährige mit Magersucht

ADHS und Co.

Hyperaktivität und Schulstress, Sprachverzögerung und Aggression: Viele Kinder schlucken Psycho Pharmaka, gehen zum Logopäden oder zum Ergotherapeuten.

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